Date mit Lonely

Der philosophische Covid Check

Es wäre lustig, wenn es nicht so bitter wäre: Immer öfter stoße ich jetzt auf gut gemeinte Ratschläge gegen das allgegenwärtige Einsamsein (1). Wer sich in diesen Zeiten einsam fühlt, dem helfen doch keine Tipps mehr! Mein Liebling: "Spielen Sie gemeinsam online: Viele Spiele können online gemeinsam gespielt werden, auch kostenfrei." Kein Scherz, nachzulesen auf der Homepage der Bundesregierung (2).

Nichts gegen Online-Gaming, aber mich beschleicht der Verdacht, dass die Leute in der Krise nicht ganz für voll genommen werden. Da kämpfen sich (beispielsweise) Alleinerziehende, psychisch Kranke, alt eingesessene Stubenhocker und Neuerdings-Online-Fitnesskurs-Teilnehmer*innen von Lockdown zu Lockdown, von Corona-Mutante zu Corona-Mutante, finden Wege, mit der Isolation klarzukommen - um sich dann auch noch von allerhand Expert*innen erklären zu lassen, wie sie mit der notgedrungenen Lage am besten umgehen sollen.

Aber ich weiß: Seinen Ärger an "sogenannten Experten" auslassen, wie jüngst FC Bayern - Trainer Hansi Flick, das hat - zumindest in gewissen Kreisen - einen schlechten Ruf. Unfreiwillig komisch wird's schließlich, wenn sich ein Fußballtrainer und ein Gesundheitspolitiker öffentlichkeitswirksam verabreden, um mal „unter vier Augen“ über alles zu reden.

Die Situation verlangt von uns allen gerade ein besonders hohes Maß an Selbstkontrolle. Das überfordert die Leute, glaubt man den neuesten Studien (3), zunehmend: Esstörungen, Ängste, Zwangserkrankungen, Depressionen - die Zahlen gehen alle hoch. Und zwar von jung bis alt. Dabei lassen sich die psychischen Effekte des Lockdowns nicht mit zwei Wochen Verzögerung messen, wie bei Corona, sondern nach Monaten. Was wirklich los ist in Deutschlands Single-Haushalten und Altenheimen, das erahnen wir vielleicht diesen Sommer – und werden es erst in einigen Jahren wirklich begriffen und verarbeitet haben.

Was wir jetzt schon wissen: Soziale Isolation ist nicht nur eine Krankheit, die ansteckend ist und die Lebenszeit verkürzt, sie wird leider auch nicht einfach verschwinden, sobald wir das Problem mit dem Virus gelöst haben. Hannah Arendt war der Ansicht, Einsamkeit sei die Fähigkeit, mit sich selbst zusammen zu sein – selbst in Zeiten schlimmster Isolation. Die neuere Einsamkeitsforschung gibt ihr da Recht: Einsamkeit fördert sogar die Kreativität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion (4).

Also vielleicht doch nicht so schlecht: Unser Date mit Lonely? Das Gefühl alleine zu sein überwindet niemand einfach so, denn dessen Ursachen liegen tiefer. Oft haben einsame Menschen überhaupt keine bedeutungsvollen Beziehungen mehr zu anderen Menschen. Auf Psychology Today hieß es noch 2016: Bloß kein Online-Dating, wenn Sie sich alleine fühlen! (5) Denn Online-Kommunikation mangelt es an einer Vielzahl von Bedeutungsschichten. Und schon vor Corona haben die Menschen mutmaßlich zu viel über ihre Probleme geredet und sich zu selten in den Arm genommen.

Wie sehen sie also aus, die guten Ratschläge für die besonders Einsamen dieser Tage? Mit Vernunftappellen und Durchhalteparolen ist jedenfalls niemandem geholfen, vor allem, wenn sie von Leuten kommen, die sich selbst vielleicht gar nicht so einsam fühlen. Corona hat bekanntlich unsere sozialen Probleme verstärkt und sichtbarer gemacht – und das gilt eben auch für die sehr ungleiche Verteilung von psychischen Leiden. Das große Märchen von der Gesellschaft, die gerade in der Isolation ihren „Zusammenhalt“ findet, schmeckt da auch immer schaler.

Wenn mich eine Eigenart an der widerständigen Hannah Arendt besonders beeindruckt, dann war es ihr heiterer Sarkasmus: „Ich würde wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tode lachen.“ (6) Vielleicht sind wir alle wirklich so ernst geworden, wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter gerade bestsellermäßig behaupten. Wenn Einsamkeit eine Tugend ist, dann braucht es dazu jedenfalls Arendts Talent zum düsteren Humor. Wenn wir schon daheim rumhocken müssen, sollten wir wenigstens zum Lachen mal aus dem Fenster sehn. Vielleicht winkt ja der Nachbar.

Literatur

  1. https://www.einsam-durch-corona.de
  2. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/tipps-gegen-einsamkeit-1826034
  3. https://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-ueber-psychische-folgen-der-coronakrise-in-der-pandemie-nehmen-depressionen-und-angststoerungen-stark-zu/26699014.html
  4. https://www.psychologytoday.com/ca/blog/talking-about-men/202010/the-pain-loneliness-and-the-pleasure-solitude
  5. https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-art-closeness/201601/warning-dont-date-online-when-youre-lonely
  6. https://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/arendt_hannah.html

Über den Autor

Sebastian Gaub ist freier Autor und hat sich schon früh mit Philosophie angesteckt. Neben Wissenschaftsphilosophie hat er Biologie und Informatik studiert und zur Epigenetik promoviert. Heute macht er den Abwasch und beleuchtet Corona für uns aus verschiedenen Blickwinkeln.

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